Wachablösung

Es kommt mir vor, als sei es erst gestern gewesen….

Kaum können sich die eigenen Kinder halbwegs koordiniert auf ihren 2 Beinen vorwärts bewegen, schon stehen wir Väter in den Startlöchern um unseren Nachwuchs rechtzeitig und voller Leidenschaft mit dem Bike-Virus zu infizieren. Zum Glück war das damalige Angebot an Laufrädern noch nicht vergleichbar mit der heutigen Zeit, was einerseits den Geldbeutel, als auch die Beziehung erheblich schonte. Während zu Beginn der Speed noch gemeinsame Spaziergänge erlaubte, uferte das immer mehr zu einer sportlichen Aktivität aus, die einzig durch spontan genommene Bodenproben unterbrochen wurde.

So verwunderte es auch nicht, dass meine Tochter Anouk mit 2,5 Jahren den Osternhasen nicht zu Prinzessin Lillifee entsandte, sondern ein „Laufrad mit Pedalen“ als einzigen Wunsch äußerte, selbst wenn Meister Lampe als Zahlungsmittel nur Schnuller akzeptieren sollte. Ostern kam, die Schnuller wurden abgegeben und noch am gleichen Tag konnte das Thema „Fahrradfahren“ als erfolgreich gemeistert abgehakt werden.

Die Zeit verging, aus 12″ wurde 16″ und 20″. Die Phase Pink war nur kurz und kaum erwähnenswert, sodass die Räder auch hinsichtlich ihrer jüngeren Brüder farblich neutraler ausfielen. Mit ihrem Scott Scale RC JR in 24″ wurden dann die ersten echten Berge und Wettkämpfe in Angriff genommen. Als leidenschaftlicher Mountainbiker geht einem natürlich das Herz auf, wenn man mit den eigenen Kids das Hobby teilen kann und darf. Die Tatsache, dass gemeinsame Ausfahrten für einen selbst eher ein Training im Kompensationsbereich darstellte, nahm ich liebend gern in Kauf. Es galt neue Herausforderungen und Hürden zu bewältigen. „Nur noch eine Kurve!“, „Hammer, wie toll du das machst!“ sind nur ein kleiner Auszug aus dem Repertoires als Motivationscoach. Doch auch diese Zeit verging.

Endlich war er da, der Zeitpunkt, ab dem das gemeinsame Training auch für einen selbst als solches bezeichnet werden konnte, ohne sich jedoch am eigenen Limit bewegen zu müssen. In der Singletrail Skala konnte man sich aus dem S0/S1 Bereich herauswagen,  ohne selbiges Vorhaben als Himmelfahrtskommando bezeichnen zu müssen. Besuche im Bikepark verbuchte man fortan nicht mehr unter der Kategorie „Eigenes Vergnügen“, sondern bevorzugt unter „Familienausflug“, wobei diese Kategorisierung in den seltensten Fällen auch so vom Ehepartner akzeptiert wurde. Kurzum, das Leben als Bike-Hero schien perfekt.

Doch das Monument Papa bekam mit der Zeit Risse und der Glanz verschwand. Mit Anouk in den Bergaufpassagen zu quasseln wurde immer seltener und wenn dann erheblich undeutlicher, was primär an meiner Atemtechnik lag, welche man auch als intensives Hecheln bezeichnen konnte. Rollentausch war angesagt. Sätze wie „Papa, toll machst du das!“ oder „Paps, nur noch eine Kurve, dann bist du oben.“ kamen mir irgendwie  bekannt vor. Da war doch mal was.

Am Anfang redet man sich noch ein, dass die berufliche Situation und das geringe Training schuld daran seien und mit der kommenden Saison alles wieder anders sein würde. Was für ein riesen Blödsinn. Es wurde nicht besser. Mittlerweile ist Anouk 15, fährt Nachwuchs-Bundesliga und verbringt pro Woche mehr Zeit auf dem Rad als ich im ganzen Monat. Auf freundliche Art und Weise wird einem gezeigt wer am Berg der Chef ist. Einzig Bergab habe ich die Nase vorne, zumindest noch. Was man am Besten dagegen unternehmen kann:

Nichts! Nada! Niente! Einzig akzeptieren hilft…

Und wenn ich mal ganz ehrlich zu mir bin, dann bin ich tief in meinem Inneren doch stolz wie Bolle, darauf dass es so ist wie es ist. Und zur Not infiziere ich in einigen Jahren dann halt meine Enkel und starte das Projekt „Mein Opa ist mein Bike-Hero“.

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